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Press Release

10. April 2019

Perspektivwechsel in der Health IT

Wer hat eigentlich das Sagen, wenn es um die Einführung digitaler Gesundheitslösungen geht? Ärzte, Pharma-Firmen oder doch Amazon und Google? Über diese Fragen diskutierten Digital-Health-Experten auf der DMEA 2019.

Zum Auftakt der Kongress-Session „Perspektivwechsel: Wer gestaltet morgen die Health-IT?“ zeichnete Dr. Markus Müschenisch, Vorstand des Bundesverbands Internetmedizin e. V. und Managing Director und Partner von Flying Health – die Startup-Manufaktur, ein disruptives Bild. Gesundheitsapps seien keine Spielereien mehr, sie machen „richtige“ Medizin – von der Prävention über die Diagnostik bis hin zur Therapie – wie er anhand der medizinisch zertifizierten Migräne-App M-Sense verdeutlichte. Chatbots wie Babylon Health, der Patienten nach Symptomen befragt und Online-Sprechstunden mit Medizinern anbietet, verbinden Künstliche Intelligenz mit menschlichem Wissen. Doch nicht nur Digital Health Startups, auch die Techgiganten wie Google, Amazon, Apple oder Walmart dringen in den Gesundheitsbereich vor, zum Beispiel mit eigenen Analysetools wie Vitalparameter messende In-Ear-Kopfhörer oder Gesundheitsvorhersagen durch Amazons Alexa. „Der Wettbewerb um das Budget des Arztes ist längst eröffnet“, unterstrich Markus Müschenich.

Dass viele Ärzte, besonders im ländlichen Raum von dieser Erkenntnis buchstäblich meilenweit entfernt sind, ist die Erfahrung von Christine Becker. Die Soziologin berät Kommunen unter anderem in Sachen Standortmarketing, wobei eine funktionierende Gesundheitsversorgung dabei eine herausragende Rolle spielt. Für den bayerischen Odenwald, der den Status einer Modellregion anstrebt, hat sie gemeinsam mit Bürgermeistern und Gesundheitsversorgern ein Konzept entwickelt, das smarte Technologien nutzt, um die Versorgung auf dem Land sicherzustellen. „Instrumente wie die Telemedizin können diese Gebiete nachhaltig fit machen für die Zukunft“, sagte sie.

Von seinen Erfahrungen aus der britischen Metropolen-Region Wirral westlich von Liverpool sprach Paul Charnley von der Wirral University. In einem von Cerner unterstützten Modell-Projekt führte er Daten aus dem Gesundheits- und sozialen Bereich zusammen mit dem Ziel, dass beispielsweise Doppeluntersuchungen vermieden werden und das Gesundheitssystem insgesamt effektiver und weniger kostenintensiv wird. Ein übersichtliches Tool fasst Untersuchungsergebnisse für Kliniken, Ärzte und andere Einrichtungen zusammen. Es gibt außerdem Empfehlungen für weitere Maßnahmen. „Die gesundheitliche Situation der Menschen zu kennen, erforderliche Aktionen in die Wege zu leiten und die Ergebnisse dazu zu verwenden, um das Gesundheitssystem zu verbessern, ist das Anliegen unseres Projekts“, sagte Paul Charnley. Die Ergebnisse können sich sehen lassen: Durch das Projekt ließen sich jährlich 1.270.701 Pfund einsparen.

Bernhard Geist, Head of Product Management der Compu Group, bezeichnete den Patienten als weithin unterschätzten „Gamechanger im digitalen Wandel“. Studien zeigen, dass mehr als die Hälfte der Patienten ihre Symptome googlen, bevor sie zum Arzt gehen. „Patienten möchten stärker in ihre Behandlung einbezogen werden“, beobachtet Bernhard Geist. Dem Arzt komme zunehmend die Rolle eines Navigators der Behandlung zu, der gemeinsam mit dem Patienten die weiteren Schritte bestimmt. Mit Blick auf das schwedische Gesundheitssystem sieht er die Zukunft in interdisziplinären Behandlungsgruppen. Diesen Ansatz müssten auch Informationssysteme darstellen, damit sie die Patientenreise über alle Schritte hinweg begleiten können.